Anmerkungen zum Gedicht "Ilse" von Frank Wedekind

 

Frank Wedekind

Ilse

Ich war ein Kind von fünfzehn Jahren,

Ein reines, unschuldsvolles Kind,

Als ich zum erstenmal erfahren,

Wie süß der Liebe Freuden sind.

  • Die Überschrift nennt nur einen Frauennamen.
  • Diese Frau wird dann zum lyrischen Ich und
  • geht zunächst auf ihre Jugend und unschuldige Ausgangssituation ein.
  • Im zweiten Teil zeigt sich dann die Veränderung hin zu einer jungen Frau, die sich mit "der Liebe Freuden" auskennt. Später wird deutlich, dass hiermit Sexualität gemeint ist.

Er nahm mich um den Leib und lachte

Und flüsterte: O welch’ ein Glück!

Und dabei bog er sachte, sachte

Mein Köpfchen auf das Pfühl zurück.

  • Die zweite Strophe wendet sich dann dem Liebesgeschehen zu.
  • Ohne nähere Angaben wird nur von einem "er" gesprochen.
  • Warum der Mann lacht, wird nur angedeutet. Man muss annehmen, dass es sich vor allem um sein Glücksgefühl handelt.
  • Er geht mit der jungen Frau allerdings "sachte" um, was durch die Verdoppelung hervorgehoben wird.
  • Der Schluss der Strophe ist dann allerdings mehrdeutlich, man kann hier schon den Mann als die dominierende Person sehen.

Seit jenem Tag lieb’ ich sie alle,

Des Lebens schönster Lenz ist mein;

Und wenn ich keinem mehr gefalle,

Dann will ich gern begraben sein.

  • Die dritte Strophe macht dann deutlich, was aus dem Mädchen geworden ist, eine Prostituierte.
  • Das wird vom lyrischen Ich positiv gesehen als eine Möglichkeit, die Jugend sinnvoll zu nutzen, was zu Wedekinds Lebenszeiten (um 1900) ein Skandal war.
  • Sehr leichtfertig und fern wohl von jeder Realität ist die Schlussperspektive: Es wird hingenommen, dass die Schönheit bzw. die Attraktivität irgendwann dahin ist - dann ist man einfach bereit zu sterben.

Aussage / Intentionalität und künstlerische Mittel

  1. Das Gedicht zeigt die Entwicklung eines Mädchens in den Bereich der Prostitution hinein,
  2. was sehr stark beschönigt wird, indem zum Beispiel nicht zwischen Sexualität und Liebe unterschieden wird.
  3. Deutlich wird das Unpersönliche dieser sexuellen Begegnungen, der erste Mann hat nicht mal einen Namen oder ein Gesicht.
  4. Auch das Prostituiertenleben insgesamt wird sehr beschönigend dargestellt.
  5. Alle Probleme werden ausgeblendet.
  6. Von daher eignet sich dieses Gedicht nur als Basis für die sogenannten "Dirnenlieder", die um 1900 eine Rolle spielten.
  7. Das einzig Positive ist, dass hier eine Frau sehr selbstbewusst von ihrer Sexualität spricht und diese auch bedenkenlos einsetzt. Damit zeigt sie eine Autonomie, die normalerweise im deutschen Kaiserreich nur den Männern zuerkannt wurde.

Hier gibt es nähere Informationen zum Kontext des Gedichtes / Liedes.

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