Die "Stoßrichtung" des Gedichtes - die Intentionalität

Anschließend prüft man, in welche Richtung die verschiedenen Signale des Gedichtes zeigen: Ist es eher die Beschreibung eines schönen Frühlingstages? Oder denkt da jemand über sein Leben nach? Vielleicht ist es auch vor allem der Versuch die Freuden oder auch die Leiden der Liebe zu bewältigen. Man nennt diesen Versuch einer Bündelung aller Textsignale Intentionalität, das Ziel (können auch mehrere sein), auf das das Gedicht hinsteuert. Natürlich kann das und wird das häufig identisch sein mit dem, was der Autor auch gerne ausdrücken wollte, das muss aber nicht so sein. Jemand kann sich ja gerade in einem literarischen Text einfach mal in eine andere Person versetzen und aus deren Sicht etwas darstellen.

 

Beispiel für die Klärung der Intentionalität (Summe der Aussagen)

Von dem Romantiker Eichendorff gibt es ein sehr schönes Gedicht mit dem Titel "Frische Fahrt".

An dem zeigen wir mal, wie man die Intentionalität eines Gedichtes bestimmen kann - und zwar als Bündelung der Signale:

[Überschrift] Frische Fahrt

[1] Laue Luft kommt blau geflossen,

[2] Frühling, Frühling soll es sein!

[3] Waldwärts Hörnerklang geschossen,

[4] Mut’ger Augen lichter Schein,

[5] Und das Wirren bunt und bunter

[6] Wird ein magisch wilder Fluß,

[7] In die schöne Welt hinunter

[8] Lockt dich dieses Stromes Gruß.

Die ganze erste Strophe geht in die Richtung, dass da etwas Schönes auf das Lyrische zukommt, etwas Verlockendes.

Man könnte das in die folgende Formulierung packen:

Das Gedicht, wie die sich wiederbelebende Natur im Frühling zum Aufbruch in neues Leben verlockt.

 [9] Und ich mag mich nicht bewahren!

[10] Weit von Euch treibt mich der Wind,

[11] Auf dem Strome will ich fahren,

[12] Von dem Glanze selig blind!

[13] Tausend Stimmen lockend schlagen,

[14] Hoch Aurora flammend weht,

[15] Fahre zu! ich mag nicht fragen,

[16] Wo die Fahrt zu Ende geht!

Die zweite Strophe macht dann deutlich, dass ein solcher Aufbruch zunächst einmal Trennung bedeutet, von der Heimat, von der Familie und von Freunden. All dem steht aber das große Plus der Chance auf neue Welten gegenüber, dem gegenüber alle Zweifel und Sorgen zurücktreten.

Insgesamt ist es ein Gedicht, das den Reiz des Aufbruchs beschreibt, der sich mit einer entsprechenden Situation für den Menschen ergibt und demgegenüber alle Einwände zurücktreten. Es ergibt sich der Eindruck eines Plädoyers für unbedingte Abenteuerbereitschaft.

Der Titel fasst das übrigens sehr gut zusammen: Es geht um "Fahrt" im Sinne des Aufbruchs - ergänzt um das Attribut "frische", was bedeutet, dass hier neues Leben wartet.