Was unterscheidet eine Charakteristik von einer Personenbeschreibung oder einem Steckbrief?

Bitte die Erzählung ernstnehmen - nicht nach einer allgemeinen Checkliste vorgehen:

Die Charakterisierung von Figuren in einer Kurzgeschichte, in einem Roman oder auch in einem Drama ist eine gute Möglichkeit, in die Interpretation einzusteigen.

Leider wird dabei zum Teil ähnlich vorgegangen wie bei einer Personenbeschreibung, d.h. es werden ganz formal Dinge abgefragt wie Kleidung, Aussehen usw., die vielleicht im literarischen Text überhaupt keine Rolle spielen.

Deshalb wollen wir hier mit Hilfe eines Schaubildes mal auf den entscheidenden Unterschied eingehen zwischen der

  • Personenbeschreibung zum Beispiel eines Täters im Polizeiprotokoll
  • und der Charakteristik einer literarischen Figur.

Mat1215 Unterschied Charakteristik Personenbeschreibung HP

  1. Eine Personenbeschreibung oder auch ein Steckbrief spielen ganz in einer realen Welt. Es geht dort um eine Person, von der alles an Interessierte weitergegeben werden soll, was nötig ist, um sie zu erkennen.
  2. Dabei geht es erst mal um das Äußere, vielleicht auch das Verhalten und in manchen Fällen sogar die Biografie.
  3. Bei einem literarischen Text ist das anders: Der Autor einer Kurzgeschichte zum Beispiel steckt zwar in der Realität, zehrt auch von eigenen und fremden Erfahrungen, hat aber vor allem Fantasie, um aus all dem etwas Neues zu machen.
  4. Damit hat der Autor von "fiktionalen" Texten (Roman, Drama u.ä.) gewissermaßen Zugang zu einer anderen, ausgedachten Welt.
  5. Bei einer Kurzgeschichte erfindet er sich einen Erzähler, der stellvertretend für ihn ein Geschehen in einer bestimmten Umgebung präsentiert.
  6. Das kann er auf eine sehr auktoriale Weise tun, d.h. ständig sieht und hört man ihn gewissermaßen, wie er auf etwas zeigt, es kommentiert und vielleicht auch noch über sich selbst und den Erzählvorgang spricht.
  7. Es kann aber auch auf eine personale Weise geschehen. Da hält sich der Erzähler stark zurück und schlüpft gewissermaßen in die Figuren der Geschichte hinein. Ein Beispiel dafür ist etwa der Roman "Sansibar oder der letzte Grund" von Alfred Andersch, wo schon die Kapitelüberschriften dem Leser sagen, welche Figur jetzt gerade das Sagen hat.
  8. Ein wichtiger Teil einer jeden Kurzgeschichte und vergleichbarer literarischer Werke sind die Figuren. Sie werden von außen gezeigt, zum Teil auch von innen. Wir lernen ihr Verhalten kennen und der Erzähler kommentiert das auch zum Teil.
  9. Das alles sind Bestandteile einer fiktiven Welt und es wird schon deutlich, dass der Erzähler bzw. sein Erzählen eine entscheidende Rolle spielt, nicht so sehr eine Art Polizei-Fragebogen, mit dem man gesuchte Personen erfasst.
  10. Deshalb ist es sinnvoll, mit Blick auf dieses Erzählen eine Figur vorzustellen.

Vorstellung des Videos:

Das Video ist auf Youtube zu finden unter der Adresse:

https://youtu.be/YGDebyV_bQc

Die Dokumentation kann hier heruntergeladen werden.

Den Text der Kurzgeschichte kann man hier herunterladen.

Wir präsentieren die einzelnen Schaubilder aber auch in diesem Beitrag.

Mat1215 SB 1   Charakteristik und Personenbeschreibung

 

Mat1215 SB 2   Beispiel Marc Zwollich, Die Entscheidung

 

Mat1215 SB 3   Zusammenfassung

 

 

 

Wir zeigen hier noch ein zweites Beispiel, wo wir die Hauptfigur einer Novelle charakterisiert haben.

  1. Wir haben das mal am Beispiel einer Novelle von Heinrich von Kleist gemacht und erklären jetzt auch mal denen, die die Geschichte nicht kennen, wie man die "Marquise von O...." - so auch der Titel der Novelle, charakterisieren kann.
    1. Zunächst geht es um das Allgemeine: Es handelt sich um eine "Dame von vortrefflichem Ruf" und "Mutter von mehreren wohlerzogenen Kindern".
    2. Sie ist Witwe, lebt im Haus ihres Vaters, eines Kommandanten einer Festung, die von russischen Feinden erstürmt wird.
    3. Aus dieser traditionellen Rolle einer adligen Frau um 1800 wird sie herausgerissen, indem sie zunächst im letzten Moment von einem russischen Offizier vor der Vergewaltigung gerettet wird, dann aber zu ihrer Verwunderung und schließlich Entsetzen trotzdem schwanger wird.
    4. Zunächst will sie es nicht wahrhaben, beschimpft sogar den behandelnden Arzt, dann muss sie die Verfluchung durch ihre Mutter und die Ausweisung aus dem elterlichen Haus durch den Vater hinnehmen.
    5. Aus dieser traditionellen Frauenrolle kann sie sich befreien, indem sie ihre Kinder gegen den Willen der Familie mitnimmt und beschließt, ab jetzt ein selbstständiges und selbstbewusstes Leben als treusorgende Mutter zu führen.
    6.  Schließlich geht sie noch einen Schritt weiter und wendet sich mit einer Art Suchanzeige an die Öffentlichkeit, in der sie dem ihr unbekannten Vater die Eheschließlung anbietet, um so für sich und ihre Kinder wieder für damalige Verhältnisse ehrbar-normale Verhältnisse zu erreichen.
    7. Als der russische Offizier, der inzwischen ahnt, dass er die hilflose Marquise nach der Rettung zur Mutter gemacht hat, sie um ihre Hand bittet, wird er stolz zurückgewiesen, weil die adlige Dame nicht weiß, dass er der Vater ist.
    8. Als sie dann bei einer Gegenüberstellung mit der Wahrheit konfrontiert wird, ist sie zunächst entschieden dagegen, einen Menschen, den sie erst als Engel empfunden hat und jetzt als Teufel betrachtet, auch noch zu heiraten.
    9. Sie lässt sich dann auf eine Vernunftheirat ein, bei der der Vater und Ehemann nur Pflichten, aber keine Rechte hat.
    10. Sie gibt ihm aber, weil er sich ihr gegenüber hochanständig und verantwortungsvoll verhält, am Ende doch noch eine Chance: Sie gibt ihm nach der Vernunftheirat jetzt auch noch ein Liebes-Jawort und lebt mit ihm und weiteren Kindern glücklich zusammen.
  2. In einem ersten Schritt sind wir jetzt die Handlung komplett durchgegangen, haben dabei aber immer auf die Marquise als Objekt der Charakteristik geachtet. Dieses "lineare", der Erzählung folgende Verfahren hat den Vorteil, dass sich nicht nur die Grundstruktur einer Figur zeigt, sondern auch Veränderungen sichtbar werden.
  3.  Als nächstes kommt es jetzt darauf an, systematisch die entscheidenden Elemente herauszuarbeiten, die für diese Figur charakteristisch sind.
    1. Dazu gehört der Wechsel von der angepassten Situation und Haltung im ersten Teil der Novelle, bei der die Unterordnung unter die Eltern und die Moralvorstellungen der Gesellschaft dominieren,
    2. hin zu einer Haltung innerer und äußerer Autonomie. Kleist geht zunächst auf die "schöne Anstrengung" (S. 27) ein, die die Marquise im Kampf um ihre Kinder zeigen muss, ein. Dann spricht er davon, dass die Marquise sich "plötzlich" "hob" (27) , also sich aufraffte und ein eigenes Lebenskonzept anging.
    3. Auch ist von "Stolz gegen die Welt" (27) die Rede, d.h. die Marquise ist in der Lage, sich von einer Umgebung abzugrenzen, der sie nicht angehören kann und will.
    4. Zur Abgrenzung gehört die Konzentration auf die Ausbildung und das Wohlergehen der Kinder.
    5. Sie lässt sich von diesem selbstbestimmten Leben auch nicht durch den Antrag des Offiziers abbringen, solange sie den wahren Hintergrund und seinen wirklichen Charakter noch nicht kennt.
    6. Erst als sie durch die Hilfe der Mutter, die sich auch gewandelt hat, wieder als unschuldig in die Familie aufgenommen worden ist, lässt sie sich dann auch noch zu dem Deal einer distanzierten Pflicht-Ehe überreden, vor allem zum Wohl der Kinder.
    7. Zu ihrem Charakter gehört dann aber auch, dass sie bereit ist, den Wandel des Offiziers anzuerkennen, der in wirkliche Liebe und Verantwortung mündet. Sie gibt ihm eine Chance und dann das echte Ja-Wort.
    8. Wichtig ist, dass sie am Ende das letzte Wort hat und ihrem Mann erklärt, warum sie bei der Eröffnung der Wahrheit (sie ist von ihrem Retter in einem Moment der Hilflosigkeit geschwängert worden) erst so heftig auf ihn reagiert hat. Es ist der Kontrast von Engel und Teufel gewesen, der sie zunächst fassungslos gemacht hat.
    9. Erst als der Offizier seinen wahren Charakter gezeigt hat, was seine Tat als Fehltritt erscheinen ließ, hat sie ihm eine neue Chance gegeben.
    10. Insgesamt ist die Marquise vor diesem Hintergrund zu Recht als Hauptfigur im Titel genannt worden. Sie ist letztlich ohne Schuld in eine schlimme Lage geraten, hat sich aus ihr herausgekämpft und zunächst ihre Würde zurückgewonnen und schließlich das Beste für sich und ihre Kinder aus allem gemacht. In vielem kann sie daher durchaus als Vorläuferin moderner selbstbewusster Frauen gesehen werden.

Weiterführende Hinweise